Ob in der Lernpsychologie, der Sozialpädagogik oder der Erziehungswissenschaft – das soziale Lernen spielt eine immer bedeutendere Rolle in unserer Gesellschaft. Laut Stangl lässt sich unter dem sozialen Lernen die Grundlage für das handlungsorientierte und problemlösende Lernen verstehen. Es beschreibt das medien- und computergestützte Lernen und den Austausch von Wissen auf bestimmten Plattformen, bei dem sich Menschen auch ohne eine lehrende oder betreuende Instanz organisieren. Das Ziel dabei ist es, Lernprozesse sowie die Bereitschaft sozialverantwortlich zu handeln, zu fördern. Durch diese Form des Lernens, wird Lernen auch als Beitrag zu einer demokratischen Erziehung verstanden.
Laut einem Beitrag von Robert Nabenhauer von Februar 2011 werden durch das soziale Lernen, in Form von Social Media, sogar unsere Kinder gerettet! Kommunikationsveränderung und viele neue Möglichkeiten, die weit über das bekannte E-Learning hinaus gehen werden erwartet. Social Media war zunächst nur ein Informationsvermittler von Kontakten, Hobbys und Produktempfehlungen, doch laut Nabenhauer wurde nun auch erkannt, dass Wissen dadurch ausgetauscht werden kann. Es werden also Plattformen auftauchen, und sind auch schon vorhanden, auf der jeder die Möglichkeit hat „anderen an seinem Wissen teilhaben zu lassen oder aber von dem ihren zu profitieren.“ Kurse über Webcam, natürlich digital, zu Themen wie Sprachen, Geschichte, Mathe, Malerei, Musik oder Literatur. Chancen, Möglichkeiten und Informationen im Überfluss und mit einer enormen Tragweite für jeden von uns, von jedem von uns.
Doch wo ist das soziale am sozialen Lernen geblieben, wenn sich doch alles nur auf Sozialen Medien, Internetplattformen und durch Computer abspielt? Wie darf man sich dann den Tag von Schülern vorstellen, wenn sich alles Online abspielt?
Hier ein Gedankenexperiment:
Eine 16-jährige Schülerin besucht die 10. Klasse eines Gymnasiums.
Ihr Wecker klingelt um 6:30 Uhr – mit dem Handy. Daraufhin erstmal die neusten Chats durchlesen, die Sozialen Medien checken und in der allerneusten SchulApp schauen, ob Unterricht ausfällt oder es eine Vertretung gibt.
7:15 Uhr – gewaschen, angezogen, gefrühstückt. Ab zum Bus. Im Bus erneut Social Media, Musik hören, Hausaufgaben machen – zu früh zum reden.
8:00 Uhr – Schulbeginn. Soziales Lernen in jeglichen Formen und das in jedem Fach, denn es ist alles über die verschiedensten Plattformen möglich.
Etherpads in Deutsch, Lernvideos auf YouTube in Geschichte, E-Learning-Tests in Mathe, Online Karteikarten in Chemie etc.
13:00 Uhr – Endlich Mittagspause. Was es zu Essen gibt? Schon bekannt, da es morgens in der SchulApp stand. Fix essen und dann nochmal auf dem Laptop auf das anstehende Referat vorbereiten.
Ab 13:45 Uhr – Nachmittagsunterricht. Referate an denen jeder, über eine PowerPointPräsentation oder über andere Online Tools, seine Themen vorstellt. Mitarbeit? In diesen Stunden nicht gefragt. Hauptsache leise sein und den Referenten nichts fragen, da das in der Klassengemeinschaft als Verrat gilt.
16:50 Uhr – Schule aus!
Zu Hause dann Freizeit in Form von Hobbys ausüben. Aber wozu in einen Sportverein oder zum Musikunterricht gehen? Man kann doch alles online machen.
Die Online Erfahrung wurde an diesem Tag auf jeden Fall zu 100% ausgeschöpft.
Kommunikation und soziale Kontakte? Kaum vorhanden.
Dies soll keine Verteufelung und auch kein schlecht machen sein. Es ist auf jeden Fall eine Übertreibung.
Soziales Lernen ist in vielen Formen eine Erleichterung und kann auch sehr bereichernd sein, doch wo ist es vielleicht Zeit auf alte Formen zurückzugreifen statt andauernd neue zu etablieren?


